2. Energiegipfel Ostwürttemberg

Klimawandel als Jobmotor

Risiken und Chancen der Erderwärmung für Unternehmen

Beim 2. Energiegipfel der IHK in Heidenheim sagte der Spitzenbeamte, die Voraussetzungen seien gegeben, um die bevorstehende Transformation der Gesellschaft zu schaffen, wie es einst auch beim Auto gelungen sei. Mit Ökologie könne man Geld verdienen.
„Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen!“
so Staatssekretär im Umweltministerium des Landes, Dr. Andre Baumann.
 
Aktueller könnte der Energiegipfel nicht sein, unterstrich IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle in ihren einführenden Worten und verwies darauf, dass zur gleichen Zeit die Kanzlerin beim Klimagipfel in New York spreche und dass darüber hinaus am vorangegangenen Freitag nicht nur weltweit für den Klimaschutz demonstriert worden sei, sondern auch die Bundesregierung ihr Klimapaket vorgelegt habe. Für die IHK Ostwürttemberg sei der Klimawandel bereits beim Jahresempfang Thema gewesen. Jetzt gehe es darum, den Focus auf die Chancen der Unternehmen zu richten.
Staatssekretär Dr. Baumann zitierte Barack Obama, der gesagt habe, wir seien die erste Generation, die den Klimawandel spüre, aber die letzte, die noch etwas dagegen tun könne. Der Wandel sei jedenfalls Realität: Die Taiga brenne und die Permafrostböden tauten auf und das schneller als befürchtet. Wenn es nicht gelinge, den Anstieg der globalen Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad seit Beginn Industrialisierung zu begrenzen, seien die Folgen katastrophal, würden die Lebensgrundlagen vieler Menschen zerstört. In anderen Regionen sei es noch viel stärker zu spüren. Korallenriffe und ganze Inselstaaten würden wegen des Ansteigens des Meeresspiegels verschwinden, sagte Baumann voraus.
 

Sonst drohe gewaltige Migrationsbewegung

Belaufe sich der Anstieg auf drei bis vier Grad, seien die Folgen noch dramatischer. Es würde beispielsweise eine gewaltige Migrationsbewegung geben. Daher sei es sinnvoll, in Maßnahmen zu investieren, um die globale Erderwärmung möglichst gering zu halten. Der Staatssekretär:
„Das sind wir unserer und künftigen Generationen schuldig!“
Beim von der Bundesregierung vorgelegten Klimapaket, sagte der Redner weiter, sei er einerseits „stinksauer“, weil mehr versprochen und erwartet worden sei. Deswegen sei er spontan demonstrieren gegangen. Es gebe aber auch gute Vorschläge, beispielsweise beim Ausbau der Windkraft. Denn Baden-Württemberg brauche eine sichere Stromversorgung und müsse die Photovoltaik voranbringen.
Mit zehn Euro pro Tonne eindeutig zu niedrig sei jedoch der Preis für den Ausstoß von Kohlendioxid, weil er keine Lenkungswirkung habe. Die trete erst ab 40 Euro ein, die Schweiz verlange bereits 80 Euro pro Tonne. Es werde nicht ohne Zumutungen gehen. Aber auch die Unternehmen forderten eine Bepreisung des CO2. Baumann:
„Wir müssen das teurer machen, was wir nicht wollen, nämlich den CO2-Ausstoß, und dafür das billiger machen, was wir brauchen, nämlich bezahlbaren Strom aus erneuerbaren Energien. Es ist eine Quadratur des Kreises, die wir hinbekommen müssen!“
Wenn man die Klimaziele nicht erreiche, drohten überdies Milliardenstrafen an Brüssel – ohne Gegenleistung. Also gebe es auch ökonomische Gründe, aktiv zu werden.

Muss Deutschland Musterknabe sein?

Deutschland sei nur für rund zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses verantwortlich. Warum müsse es dann der Musterknabe sein, frage der Staatssekretär und gab selbst die Antwort: Weil es ein wirtschaftsstarkes Land sei, auf das die Welt schaue.
„Wenn wir das schaffen, machen es andere auch und lernen aus unseren Fehlern.“
Der Redner beschränkte sich jedoch nicht darauf, Gefahren an die Wand zu malen denn einiges sei ja schon erreicht worden. Deshalb machte er aus seiner Überzeugung keinen Hehl, dass die bevorstehende Transformation der Gesellschaft gelingen kann. Allerdings müsse man im Wärmebereich und beim Verkehr noch deutlich besser werden und den Kohleausstieg schaffen. Die Voraussetzungen dafür, dass die Energiewende zum Jobmotor werden könne, seien gegeben, und diese könne man so erfolgreich hinbekommen wie seinerzeit beim Auto. Baumann:
„Mit der Ökologie kann man Geld verdienen!“
So sah das auch Dr. Karsten Hurrelmann von der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Er machte deutlich, dass Klimawandel kein neues Thema ist. Bereits im 17. Jahrhundert habe man gewusst, dass man nachhaltig wirtschaften muss und nicht mehr Holz schlagen darf als nachwächst. Aber das Ausmaß des Klimawandels sei jetzt erst deutlich geworden. Deutschland beispielsweise habe bereits seit 3. Mai seine Ressourcen für dieses Jahr ausgereizt und bräuchte folglich 1,7 Erden.
In den Unternehmen gehe es beim Thema Nachhaltigkeit nun um den Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Unternehmen dürften ihren Focus nicht nur auf die Kunden richten, sondern müssten auch die Auswirkungen ihrer Produkte auf Umwelt und Gesellschaft im Blick haben. Wichtig sei der ganzheitliche Zyklus. Man müsse bedenken, was mit den eigenen Produkten geschehe, wenn sie nicht mehr genutzt werden können.

Klimawandel Risiko für die Wirtschaft

Für die Wirtschaft sei der Klimawandel, der nach Überzeugung der Wissenschaft eine Tatsache und menschengemacht sei, ein Thema, weil er für sie eines der höchsten Risiken überhaupt darstelle. Er könne ihre Lieferketten beeinträchtigen und ihre Absatzmärkte verändern. Die Unternehmen seien also Verursacher, Betroffene und Problemlöser zugleich. Durch neue, innovative Produkte könnten sie einen Wettbewerbsvorteil haben. Gleichzeitig könnten sie hohe Kosten durch Schäden und für Versicherungen vermeiden.
Hurrelmann plädierte dafür, ein Netzwerk für Innovation und Gründung zu schaffen. So könne man neue Themenfelder besetzen und es beispielsweise über die IHK vorantreiben. Hier könne man auch an Kooperationen mit Hochschulen denken.
Dass die Unternehmen in Ostwürttemberg die Folgen des Klimawandels durchaus spüren, wurde in einer anschließenden Podiumsdiskussion deutlich, an der außer den beiden Referenten Christoph Trautmann, der Chef der Stadtwerke Aalen, Frank Ratter von der Giengener BSH Hausgeräte GmbH, die zur Bosch-Gruppe gehört, und Dominic Lutz, Juniorchef der Firma Gaugler&Lutz in Ebnat teilnahmen. Moderator war Stefan Sagmeister, der Chefredakteur der Zeitschrift Energie & Management.
Ratter sagte, im vergangenen Jahr sei es wegen des Niedrigwassers schwierig gewesen, Container auf dem Rhein zu befördern. Teilweise habe man in diesem Jahr die Produktion stilllegen müssen, weil es für die Mitarbeiter in den Hallen zu heiß gewesen sei. Lutz, dessen Unternehmen sich auf den Leicht- und Sandwichbau konzentriert und Hersteller von Sport-, Reha- und Freizeitartikeln ist, unterstrich, die Herausforderung sei nur zu schaffen, wenn sich jeder einzelne Mitarbeiter angesprochen fühle.
„Auch kleine Schritte bringen uns weiter. Nur dann schaffen wir das große Ganze!“