Untersuchung

Industriestandort Deutschland: Zwei Schritte vor, einer zurück

Die Untersuchung beruht auf den Angaben von mehr als 1.500 Betrieben aus dem "IHK-Netzwerk Industrie", das deutsche Industrieunternehmen und industrienahe Dienstleister umfasst. Das Wichtigste in Kürze

Standortfaktoren

  • Die Industrieunternehmen bewerten die aktuelle Wirtschaftspolitik der  Bundesregierung mit Blick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit mit einer guten „Drei“ (2,9). Sie  sind mit der Politik zufriedener als bei der letzten Befragung 2014 (3,3). Dafür sprechen mehrere Gründe: 2014 standen aus Unternehmenssicht vielfach eher belastende Maßnahmen im Raum oder wurden umgesetzt. Derzeit wird dagegen wieder  vermehrt über investitionsfreundliche Maßnahmen diskutiert. Gerade in energieintensiven Sparten verbessert sich aktuell die Bewertung gegenüber 2014. Vor drei Jahren standen diese Branchen unter dem Eindruck eines von der EU-Kommission eingeleiteten Beihilfeverfahrens, in dem die Berechtigung der besonderen Ausgleichsregelung hinterfragt wurde. Die sichtlich verbesserte Gesamtnote drückt auch aus, dass die Industriekonjunktur im Sommer 2017 besonders gut ist.
  • Die Beurteilung der Unternehmen zu den einzelnen Standortfaktoren hat sich hingegen innerhalb der letzten drei Jahre leicht verschlechtert. Der Mittelwert aller „Schulnoten“ zu den Faktoren geht etwas stärker ins Negative (von 3,2 auf 3,3). So gibt es spürbare Rückschritte in etlichen Schlüsselbereichen, z. B. mit Blick auf die  Breitbandanbindung und Verkehrsinfrastruktur oder die Verfügbarkeit von Gewerbe- und Industrieflächen. Fortschritte gibt es zwar, zum Beispiel bei den Energiekosten. Freilich dominieren hier die derzeit deutlich niedrigeren Weltmarktpreise für Öl und Gas gegenüber den wachsenden heimischen Belastungen. Auch die  Energieversorgungssicherheit und die staatlichen Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern sich im Urteil der Unternehmen.
  • Die Unzufriedenheit der Industrieunternehmen mit der Breitbandanbindung nimmt immer weiter zu. Mit der Schulnote 3,7 verschlechtert sich die Bewertung des Standortfaktors so deutlich wie bei keinem anderen (2014 Note 3,1, 2011 Note 2,5, 2008 Note 2,3). Offenkundig halten die politischen Bemühungen und Zielsetzungen für den Ausbau der Infrastruktur nicht Schritt mit der digitalen Entwicklung in den Unternehmen. Mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie ist dies ein ernstes Warnsignal. Aktuelle Entwicklungen wie z. B. Industrie 4.0 erfordern eine leistungsfähige Breitbandanbindung.
  • Deutlich schlechter bewerten die Industrieunternehmen auch die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen (von 2,7 in der Vorumfrage auf 3,0; 2008 und 2011 sogar noch 2,5). Zum einen erschweren umweltrechtliche Bestimmungen oftmals sinnvolle Lösungen für die gewerbliche Flächennutzung. So nehmen Umfang und Komplexität von Regelungen zu Luftqualität, Anlagensicherheit, Lärm sowie Hochwasser-, Natur- und Artenschutz seit Jahren zu. Neue Standorte müssen in vielen Fällen mit größerem Abstand zu Wohnnutzungen geplant werden. Standorte an Flüssen sind, wenn überhaupt, mit höchsten Auflagen zum Hochwasserschutz belegt. Zum anderen steigt die wachsende Konkurrenz um Flächen aufgrund des boomenden Wohnimmobilienbaus erheblich an.
  • Der Standortfaktor Energiekosten bekommt eine der schlechtesten Noten (4,0). Zumindest verbessert sie sich im Vergleich zur Vorumfrage 2014 deutlich um 0,4 Punkte. Für Entspannung sorgen deutlich niedrigere Weltmarktpreise für Öl und Gas. Im Vergleich zum Jahr 2014 hat sich der Ölpreis halbiert und Gas wurde um ein Viertel billiger. Zudem entwickeln sich durch die Einführung der Auktionierung am aktuellen Rand die Gestellungskosten für die Erneuerbaren Energien hierzulande positiv. Trotzdem bleiben die hohen Energiekosten aus Sicht der Wirtschaft nicht nur Konjunkturrisiko für die kommenden Monate, sondern auch ein strukturelles, langfristiges Standortrisiko.
  • Die Menschen und ihre Qualifikation sind in den Augen der Industrie eine der Stärken des Standortes (Note: 2,5; Vorumfrage 2014; 2,3), allerdings mit leicht negativer Tendenz. Schulische und universitäre Bildung sowie insbesondere das duale System der Berufsausbildung leisten einen wichtigen Beitrag für eine breite und fundierte Qualifizierung. Insbesondere in größeren Unternehmen (ab 500 Beschäftigte) kommen diese Vorzüge noch deutlicher zum Tragen. Diese Unternehmensgrößenklasse bewertet das Niveau der Fachkräfte als Standortfaktor sogar mit einer 2,2.

Investitionen

  • Knapp die Hälfte der Betriebe sieht strukturelle Hemmnisse am Standort Deutschland, die ihre Investitionsvorhaben beeinträchtigen (46 Prozent). Das bedeutet zwar eine erhebliche Verbesserung zur Umfrage 2014 – hier waren es noch 56 Prozent- für eine Entwarnung ist es jedoch deutlich zu früh. Bemerkenswert ist zudem, dass Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten – also jene, die besonders große Projekte stemmen - deutlich häufiger von strukturellen Hemmnissen berichten (51 Prozent) als die kleineren Betriebe.
  • Einer der ganz wenigen Standortfaktoren, die aus Sicht der Betriebe ein größeres Investitionshemmnis als in der Umfrage 2014 sind, ist die Anbindung an breitbandiges Internet. 26 Prozent der Unternehmen würden bei einer verbesserten IT-Infrastruktur mehr investieren, in der Vorumfrage waren es nur 23 Prozent. Unter Berücksichtigung der deutlich verschlechterten Standortnote für die „Breitbandanbindung“ wird damit zweierlei deutlich: Im Vergleich zum Jahr 2014 hat das Thema für die Industriebetriebe – Stichwort Industrie 4.0 - enorm an Relevanz gewonnen und bei Investitionen in Breitbandnetze besteht hierzulande mittlerweile ein enormer Rückstand.
  • Spitzenreiter bei den strukturellen Investitionshemmnissen bleiben steuerliche Aspekte – erfreulicherweise zumindest mit rückläufiger Tendenz. So würden 34 Prozent der Unternehmen bei einer Verbesserung des Standortfaktors „Höhe der Steuern und Abgaben“ mehr im Inland investieren – Vorumfrage: 45 Prozent. Diese Einschätzung zeigt sich relativ ähnlich in allen Unternehmensgrößenklassen. Auch eine Verbesserung der Praxistauglichkeit im deutschen Steuerrecht würde zu deutlich mehr Investitionen im Inland führen – immerhin noch 29 Prozent der Betriebe geben dies an (38 Prozent in der Vorumfrage).
  • Mit effizienteren Behörden würden gut 27 Prozent der Betriebe zusätzliche Investitionen angehen (Vorumfrage 29) – damit gibt es hier kaum Fortschritte aus Unternehmenssicht. Der große Spielraum für weitere Erleichterungen, der sich durch die Digitalisierung auftut, wird derzeit nicht ausreichend genutzt. Bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren würden im Falle einer Verbesserung sogar 29 Prozent höhere Investitionsbudgets einsetzen (Vorumfrage: 33 Prozent). Planverfahren für Infrastrukturprojekte, aber auch vermeintlich einfache Genehmigungsverfahren für Bauvorhaben von Unternehmen sind wegen ihrer oft zu langen Verfahrensdauer und der Unklarheit, an welchem Verfahrensschritt sich die Planung gerade befindet, vielfach nicht nachvollziehbar.
  • Die Energiekosten bleiben aus Unternehmenssicht vielfach ein Standortnachteil und schlagen auf die Investitionsbereitschaft durch: Gut ein Viertel der Betriebe würde bei einer Verbesserung bei diesem Standortfaktor seine Investitionsbudgets ausweiten (Vorumfrage: 40 Prozent). Überdurchschnittlich hoch liegt der Anteil naturgemäß in energieintensiven Sparten wie Chemie/Pharma (37 Prozent), Gummi/Kunststoff (36 Prozent) oder der Metallerzeugung (32 Prozent). Insgesamt dürfte die deutliche Verbesserung zur Vorumfrage zum größten Teil den niedrigeren Weltmarktpreisen für Öl und Gas geschuldet sein.

Vernetzte Produktion

  • In einer Wirtschaft 4.0 wird die Sicherheit der unternehmenseigenen IT-Infrastruktur zum beherrschenden Faktor. Fast alle Unternehmen nennen die Datensicherheit als wichtig oder sehr wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Unternehmens. Knapp sieben von zehn Industrieunternehmen halten zudem eine eigene Industrie-4.0-Strategie für wichtig (47 Prozent) oder sehr wichtig (22 Prozent). In der Umfrage 2014 waren dies nur knapp sechs von zehn Betrieben.