150 Jahre IHK Ostwürttemberg

Die Meilensteine der Industrie in Ostwürttemberg

Die Industrie-Historie Ostwürttembergs ist so vielfältig und unterschiedlich wie ihre Zentren Aalen, Schwäbisch Gmünd, Heidenheim, Ellwangen und Giengen. Und doch gibt es eine Klammer: Herkunft und Zukunft begegnen sich eng wie nirgendwo sonst. Hier gründen die Wurzeln deutscher Industriegeschichte, hier wird die Schlüsseltechnologie zur industriellen Zukunft erforscht, entwickelt und auch realisiert.
Der Nachweis Teil 1:
Am 14. April 1365 wurden die Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) erstmals urkundlich erwähnt. In der Verleihungsurkunde von Kaiser Karl IV. an den Grafen Ulrich von Helfenstein wurde die Eisengewinnung und -verarbeitung in Königsbronn dokumentiert. 1671 nahm das SHW-Hauptwerk Wasseralfingen die Produktion auf.
Der Nachweis Teil 2: 
„Das Photon ist die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts“, proklamierte Dr. Dieter Kurz, der frühere Chef der Carl Zeiss AG. Entscheidend dafür, dass Mikrochips immer leistungsfähiger werden, ist die von Zeiss und dem niederländischen Partner ASML gelieferte optische EUV (Extreme Ultra Violett)-Lithografie. Ohne sie werde es keine Weiterentwicklung in den Bereichen Elektronik, IT, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder Robotic geben, sagt heute Zeiss-CEO Prof. Dr. Michael Kaschke: „Ostwürttemberg bestimmt in gewissem Maße den technologischen Fortschritt der Welt!“
Dieser Brückenschlag vom Eisenerzabbau bis zur Digitalisierung zeigt, dass die Industrie-Unternehmen in Ostwürttemberg quasi mit der Muttermilch die Grundvoraussetzungen erfolgreichen Wirtschaftens aufgesogen haben – die Fähigkeit zum Wandel, zur Erneuerung, zur Innovation. Nur so können die Herausforderungen der Zukunft wie Globalisierung, technologischer Fortschritt oder demografischer Wandel gemeistert werden. Bei allem Wandel sind im IHK-Bezirk Ostwürttemberg zwei Faktoren nahezu unverändert geblieben: Immer noch sind rund zwei Drittel aller Beschäftigten dem produzierenden Gewerbe oder dem industrienahen Dienstleistungsbereich zuzuordnen. Und nach wie vor ist die Patentdichte in der Region der Talente und Patente bundesweit top, wenngleich mit nachlassender Dynamik.

Der Wandel in der ostwürttembergischen Industrie ist nachfolgend an Beispielen ausgewählter Unternehmen beschrieben, die gleichzeitig Markt- und/oder Technologieführer in den in Ostwürttemberg dominierenden Clustern Automotive, Maschinen- und Anlagenbau und Photonik sind.
Die Schwäbischen Hüttenwerke SHW, einst im königlichen Besitz und bis 2005 hälftig dem Land Baden-Württemberg und der MAN AG gehörend, bestanden lange aus 14 verschiedenen Sparten. Heute sind es fünf eigenständige Nachfolgeunternehmen. Das größte, die börsennotierte SHW AG, liefert für die Automobilindustrie Pumpen, Motorkomponenten und Bremsscheiben. Erfolgreich unterwegs sind die SHW Werkzeugmaschinen GmbH (Universalfräsmaschinen), und die SHW Storage
& Handling Solutions GmbH. Die „Urfirma“ SHW Casting Technologies GmbH durchlebte jüngst nach einer Insolvenz eine schwierige Phase des Neustarts.
1846 gründet Carl Zeiss in Jena eine Werkstatt für Feinmechanik und Optik, 1875 stößt Ernst Abbe dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Zeiss in Jena enteignet, in Oberkochen entsteht ein neues Unternehmen namens Carl Zeiss. 1991 folgt die Wiedervereinigung und 2004 die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Zeiss entwickelt, produziert und vertreibt Messtechnik, Mikroskope, Medizintechnik, Brillengläser sowie Foto- und Filmobjektive, Ferngläser und Halbleiterfertigungs-Equipment und ist in über 40 Ländern mit mehr als 50 Vertriebs- und Servicestandorten, über 30 Produktionsstandorten sowie rund 25 Forschungs- und Entwicklungsstandorten vertreten. Gut zwei Drittel des Jahresumsatzes erzielt Zeiss mit Produkten und Dienstleistungen, die nicht älter als drei Jahre sind.
Getragen von Zeiss hat sich Ostwürttemberg zum „Photonic Valley“ entwickelt. Über 60 Firmen decken die Wertschöpfungskette von Entwicklung über Produktion bis zu Zuliefererleistungen ab. Zu wichtigen Firmen dieser Zukunftsbranche gehören u. a. die hema electronik GmbH, die J & M Analytische Mess- und Regeltechnik GmbH, die LOBO electronic GmbH und die Telenot Electronic GmbH, alle in Aalen.
1766 eröffnete der Augsburger Johann Heinrich von Schüle in Heidenheim eine Textilfabrik, bei der Ludwig Hartmann 1802 Direktor wurde. Die Fabrik wurde geteilt. Die Württembergische Cattun-Manufactur (WCM) wurde 1966 geschlossen. 1818 erwarb Ludwig Hartmann die einst zur Textilfabrik gehörende Spinnerei Meebold. Sein Sohn Paul Hartmann sen. schuf daraus eine Verbandstofffabrik, die die Wundbehandlung grundlegend revolutionierte. Hartmann verbessert noch heute ständig die Gesundheitsfürsorge in den Bereichen Wundmanagement, Desinfektion, Risikoprävention im OP und Inkontinenzmanagement.
Der Maschinenbaukonzern Voith mit den Sparten Wasserkraft, Antriebs-, Luft und Schifffahrtstechnik sowie Papiermaschinen feiert wie die IHK 2017 das 150-jährige Bestehen. Der 27. Januar 1867, als Friedrich Voith in Heidenheim die Schlosserwerkstatt seines Vaters Johann Matthäus Voith übernahm, markiert den Start zu einer weltweiten Erfolgsgeschichte des einzigartigen Familienunternehmens. 1899 liefert Voith die erste Papiermaschine nach Russland, die erste Wasserkraft-Turbine verließ 1870 die Fabrik, 1910 baut Voith das erste Wasserkraftwerk in China. Konzernchef Dr. Hubert Lienhard hat für 2017 eine Expansion mit digitalen Anwendungen durch IT-, Automatisierungs-, Software- und Sensorik-Aktivitäten im neu gegründeten Konzernbereich Voith Digital Solutions ankündigt.
Am Beispiel des größten Gmünder Arbeitgebers Robert Bosch Automotive Steering GmbH dokumentiert sich der Wandel in der Automobilindustrie nachdrücklich. 1934 musste die Zahnradfabrik Friedrichshafen eine Produktionsstätte für Lenkungen und Getriebe im Notstandsgebiet Gmünd aufbauen. Zum 1. Januar 1999 holten sich die Friedrichshafener das Elektronik-Know-how von Bosch ins Boot – es entstand das technologieführende Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme GmbH (ZFLS). Der Zukauf des US-Konzerns TRW durch die ZF führte 2016 zur Komplettübernahme der Lenkungsbauer durch Bosch. Die Integration in den Stuttgarter Konzern und der technologische Wandel stellen den Standort Schwäbisch Gmünd vor Herausforderungen: Struktur und Anzahl der Arbeitsplätze in Gmünd werden sich wieder verändern. Das Logo der ZF bleibt im Blickfeld von Schwäbisch Gmünd. Der Entwickler von Insassenschutzsystemen  firmiert jetzt in Alfdorf unter ZF TRW Automotive Alfdorf GmbH. Gegründet wurde das Unternehmen als „Repa“ in Schwäbisch Gmünd.
Der Großteil der rund 1.600 ZF TRW-Beschäftigten kommt immer noch aus dem Ostalbkreis.
Zum Cluster Automotive in Ostwürttemberg gehören rund 250 Anbieter von Einzelkomponenten bis zu Systemlieferanten. Zum Weltmarktführer für einbaufertige Kurbelwellen hat sich die 1911 von Karl Kessler gegründete Maschinenfabrik Alfing Kessler GmbH in Aalen entwickelt. Der Familienkonzern RUD Ketten Rieger & Dietz GmbH u. Co. KG in Aalen, zu dem auch die Erlau AG gehört, ist als Hidden Champion unangefochten Weltmarktführer bei Reifenschutz und Gleitschutzketten für Fahrzeuge.
Die voestalpine Automotive Components GmbH & Co. KG entwickelt sich durch Unterstützung des Mutterkonzern zur weltweiten Nummer 1 im Presshärten. Die Prototechnik GmbH ist in Sachen Leichtbau für die Automobilindustrie Trendsetter. Weitere automotive Leistungsträger und Pioniere sind die Ricardo Deutschland GmbH in Gmünd, die PTS-Prüftechnik GmbH in Waldstetten, die Aradex AG in Lorch. Die Kessler & Co. GmbH & Co. KG in Abtsgmünd ist führend in der Entwicklung und Fertigung von Planetenachsen, Radantrieben und Getrieben für schwere Mobilfahrzeuge.
Im Cluster Maschinen-, Anlagen- und Werkzeugbau tummeln sich neben Voith viele
Markführer. Wenn es um das Erkennen von Trends, um Innovationen, um die Besetzung von neuen internationalen Märkten oder um relevante Zukunftsthemen geht, gilt die 1950 gegründete Mapal KG in Aalen als Vorzeigeunternehmen. Die Fabrik für Präzisionswerkzeuge, inzwischen geführt von Dr. Dieter und seinem Sohn Dr. Jochen Kress, beschäftigt weltweit über 4.300 Mitarbeiter. Die C. & E. Fein GmbH verkörpert die Geschichte der Elektrowerkzeuge. 1867 von Wilhelm Emil Fein in Stuttgart gegründet, erfand sein Sohn Emil Fein 1895 die erste elektrische Handbohrmaschine. Fein verlegte 2007 den Hauptsitz nach Schwäbisch Gmünd-Bargau.
Oberkochen ist gar ein Weltzentrum der Entwicklung und Herstellung von zerspanenden Werkzeugen. Dafür steht die Leitz GmbH & Co. KG mit dem Portfolio Präzisionswerkzeuge und Werkzeugsysteme für die Holz- und Kunststoffbearbeitung. Die LMT GmbH & Co. KG hat sich nach der Realteilung vom früheren Leitz-Firmenverbund auf die Präzisionswerkzeug-Technik (LMT Tools) und auf die Systemanbietung vo
n Anlagen für die Tablettenproduktion (Fette Compacting) konzentriert. Bei Umformwerkzeugen hat die Hörnlein Umformtechnik GmbH in Schwäbisch Gmünd ebenso einen guten Ruf in der Branche wie die Mutlanger Mürdter Gruppe, bei der die größte Spritzgießmaschine der Welt steht.
Das sind aber noch längst nicht alle Weltmarktführer, die große Kapitel in der Industriegeschichte Ostwürttemberg schreiben. Herausragend in der Oberflächentechnologie ist beispielsweise die Umicore Galvanotechnik GmbH (früher Degussa). Die JRS J. Rettenmaier & Söhne GmbH & Co. KG in Rosenberg hat sich der Forschung, Entwicklung und Verarbeitung hochwertiger, organischer Faserstoffe aus pflanzlichen Rohstoffen verschrieben.
Die Leicht Küchen AG in Waldstetten ist ein Top-Hersteller von hochwertigen Einbauküchen. In Aalen-Unterkochen ist die Papierfabrik Palm GmbH & Co. KG, der weltweit führende Hersteller von Zeitungsdruck- und Wellpappenrohrpapieren. In
Ellwangen ist die Varta Microbattery GmbH ansässig, führender Hersteller von Hörgerätebatterien.
Die Weleda AG in Schwäbisch Gmünd ist Weltmarktführerin in der Herstellung und im Vertrieb von Naturkosmetik und von anthroposophischen Arzneimitteln. Die Unternehmensgruppe hat ihren größten Produktionsstandort in Schwäbisch Gmünd. Triumph International, der weltweit größte Hersteller von Bodywear und Dessous, wurde 1886 in Heubach gegründet, Sitz ist heute in der Schweiz. Dafür hat sich unterm Rosenstein die Richter lighting GmbH zur internationalen Ideenschmiede in Sachen LED-Lichttechnologie entwickelt.
Zwei Firmen stehen für besondere Marken: Die Steiff GmbH in Giengen für den
Teddybär, die Gmünder Schleich GmbH für die Herstellung von Spielfiguren. Schleich, vor über 80 Jahren von Friedrich Schleich in Herlikofen gegründet, gehört heute mehrheitlich der Beteiligungsgesellschaft Ardian. Das einzigste Familienunternehmen zunehmend in den Besitz von auch ausländischen Konzernen oder Finanzinvestoren übergehen, ist keine Ausnahme. Die VARTA Consumer Batteries ist nun Teil des internationalen Konzerns Spectrum Brands Inc. Der weltweit tätige Schrott-Recycler Scholz, seit 1949 in Aalen bzw. Essingen auf Expansionskurs, wurde von der chinesischen Chiho Tiande Gruppe übernommen.
Beim Traditionsunternehmen Ziegler, 1891 in Giengen gegründet, haben ebenso Chinesen das Sagen. Die frühere Firma Dr. Staiger Mohillo (Messtechnik) in Lorch wurde inzwischen in die internationale Kistler Gruppe mit Hauptsitz in Winterthur/CH integriert. Und die 1954 gegründete Keramoplatz GmbH, das erste Unternehmen im Ellwanger Gewerbegebiet Neunheim, firmiert heute als Ivoclar Vivadent GmbH mit Sitz in Schaan/Liechtenstein. Die einstige Erhard & Söhne GmbH, die Carl Gottlieb Erhard 1844 gründete, wurde vom Automobilzulieferer Magna Steyr übernommen. Zwei Erfindungen machten Erhard & Söhne weltberühmt – der Unimog und der Schleuderaschenbecher. Heute werden innovative Tanks für Nutzfahrzeuge hergestellt.