Denkmuster durchbrechen und Innovationen treiben

Gehirn austricksen - Innovativ werden

Wahrnehmung und Konditionierung prägen wechselseitig unsere Denkmuster und Glaubenssätze. Diese bilden sozusagen einen Paradigmenfilter aus. Evolutionsbiologisch hat dieser eine überlebenswichtige Schutzfunktion. Was die Herausforderungen eines Unternehmens in der modernen Welt anbelangt, so behindert uns der Paradigmenfilter häufig in unserer Genialität. Er lässt uns mit angezogener Handbremse im ersten Gang fahren. Das ist zwar eine relativ sichere Sache, allerdings kostet das Material und Zeit. Überholmanöver werden schwierig und eventuell geht einem bei dieser Fahrweise vor dem Ziel der Sprit aus. Entsprechend ist die Erfolgsgeschichte von Innovationen, Ideenfindung, Visionen und Kreativität auch immer eine Geschichte von Irrtümern.
"Ach bitte, komm, lass mich auch mal." "Nein, wirklich. Das ist zwar eine tolle Sache und macht Riesenspaß... aber das kann nicht jeder!" "Bitte. Nur einmal probieren... Du kriegst dafür auch meinen Apfel..."
Die Jungs standen Schlange. Insgesamt wurde der Zaun dreimal gestrichen, und Tom erhielt so zahlreiche Pretiosen, wie u. a. Murmeln, Zinnsoldaten, Kaulquappen und sogar zwei Knallfrösche. Aus der Sanktion, zu der er von Tante Polly verdonnert wurde, machte Tom Sawyer eine geniale Idee. Von der Strafarbeit zum Privileg - ein Perspektivenwechsel ist charakteristisch für das initiale Kraftmoment genialer Ideen. Das Pseudonym "Mark Twain" half dem Schiffslotsen Samuel L. Clemens dabei - der mit dem Namen auch die Perspektive und den Beruf gleich mit wechselte. Nicht selten bringt einen bereits die Frage nach der Sicht der Dinge einer guten Lösung nahe.
Nur ist es mit der "richtigen Sichtweise" gar nicht so einfach. Elfenbeinturm, Komfortzone, Tellerrand, Brett vor dem Kopf, Wald vor lauter Bäumen, Betriebsblindheit, Tunnelblick... der Fachidiotismus hat Methode. Und zwar eine altbewährte: Freund oder Feind, fight or flight - wahrgenommene Informationen rasch einem Muster zuzuordnen, war für unsere Vorfahren überlebenswichtig. Alles musste schnell in ein Schema, eine Schublade gesteckt werde
n. Bspw. konditionierte der Säbelzahntiger mit dem Verspeisen der steinzeitlichen Großmutter unsere selektive Wahrnehmung auf "gelb + gestreift = gefährlich!". Der Hornissenstich bestätigte dieses Denkmuster, und bis heute indiziert gelb Gestreiftes unserem Gehirn ein Warnsignal.  In diesem Schubladendenken sind wir naturgegeben also wahre Meister.
Nur laufen 99 Prozent aller Codes wesentlich subtiler, unbewusster ab, als in vorgenanntem Beispiel. Das bedeutet: wir haben bewusst meist gar keine Erkenntnis und Kontrolle mehr darüber, was wir so blitzschnell in einer Schublade versenken. Das Problem dabei: mit diesem sogenannten Paradigmenfilter verhält es sich ein bisschen wie mit einem Eimer Büffelfett. War extrem fettreiche Kost einst ein Garant fürs Überleben, belastet uns diese heute mit überflüssigen Pfunden, die uns eher hindern als helfen. Obendrein besteht zwischen Wahrnehmung und Denkmustern ein Wechselkreislauf, der sich gegenseitig permanent zu bestätigen sucht. Wie selektiv unsere Wahrnehmung ist, weiß jeder, der sich ein neues Auto gekauft hat - und das Modell plötzlich überall herumfahren sieht.
Letztlich bedeutet das: wir nehmen unsere Welt sehr selektiv wahr, glauben dabei aber per se die Dinge richtig zu sehen und Recht zu haben. Entsprechend hoch ist die Hürde, die Perspektive zu wechseln, sich überhaupt auf andere Sichtweisen einzulassen.

Genau hier setzen Kreativitätstechniken an,

die uns branchenübergreifend und ressortunabhängig geniale Lösungen versprechen. Indem sie uns dabei helfen, uns selber - bzw. unseren Paradigmenfilter - auszutricksen. Für jedes Thema gibt es spezielle Techniken, gemeinsam haben die meisten Techniken einen dreistufigen Prozess, der anhand einer forcierten Assoziationskette im Folgenden vorgestellt wird.
Unser Kunde, einer der weltweit zehn größten Warenhandelskonzerne, hatte das Problem einer hohen Schwundquote in einer bestimmten Warengruppe. Der Diebstahl von Rasierklingen sorgte jährlich für einen Schaden in Millionenhöhe.
In Phase Eins definieren wir die Aufgabe konkret, leiten daraus einige bedeutungsstarke Begriffe (im Schaubild grau hinterlegt) ab. Diese sollten möglichst bildhaft, synästhetisch sein, da sie unserem Unterbewusstsein gleich als Impuls dienen sollen, und das hat es eben gerne lieber bunt, sinnlich und emotional als abstrakt und logisch.
In Phase Zwei spinnen wir - durchaus im wörtlichen Sinne - Assoziationen zu unseren Schlüsselbegriffen. Es ist nicht nur o.k., sondern sogar das Ziel, sich möglichst weit von den initialen Begriffen zu entfernen.
 
Forcierte Assoziationskette "Reduzierung des Ladendiebstahls von Rasierklingen"
Kaufen
Land
Dieb
Stahl
Rasieren
Klinge
Stehlen
Stadt
Verbrecher
Eisen
Schaum
Messer
Gefängnis
Fluss
Erpresser
Metall
Bier
Scharf
Gitter
Wasser
Joghurt
Glänzt
Fahren
Blut
Polizei
Rutschig
Milch
Spiegel
Auto
Verband
Blaulicht
Kinder
Milchzahn
Schneewittchen
Ampel
Weiss
Signalhorn
Süßigkeit
Zahnfee
7 Zwerge
Grünes Licht
Papier
Matterhorn
Betthupferl
Zahnarzt
Riese
Elmsfeuer
Karton
Was haben nun Elmsfeuer, Schneewittchen und der Zahnarzt mit unserem Problem zu tun? Gar nichts. Zunächst. Suchen wir gezielt nach Impulsen, mit denen sich - erst mal ganz ohne Wertung - ein Rücktransfer auf unsere Ausgangslage generieren lässt, ploppen die ersten Zusammenhänge auf. Die dürfen durchaus auch verrückt sein.
Matterhorn/ Riese / 7 Zwerge
muss man sich für einen Artikel strecken oder bücken, ist dies mit einer großen, auffälligen Bewegung verbunden. Diskretes Zugreifen auf Brust- oder Hüfthöhe ist nicht.
Gitter / Signalhorn / Ampel
den Artikel gibt es nur auf Knopfdruck: Warnlicht ein, Gitter fährt hoch, volle Aufmerksamkeit. Diese Lösung wurde später bei Tabakwaren/ Zigaretten an der Kasse umgesetzt.
Glänzt / Spiegel / Licht
Artikelstandort illuminieren, verspiegeln, erhöht Sichtbarkeit von Handlungen im Warenumfeld.
Blut
Artikel auffällig einfärben, Stichwort "Hingucker"
Kinder / Süssigkeit / Betthupferl
kassennah, oder: Kinderattraktion im Umfeld des Artikels, Prinzip "Emil und die Detektive", für kleine Spürnasen Belohnung ausloben
Karton
Artikel via PE auf Karton verschweissen, wird unhandlicher
In Phase Drei wird bewertet was davon sinnvoll/ machbar ist, ggf. geprüft werden muss. Umgesetzt wurde hier die Lösung "Karton". Damit konnte die Schwundquote dauerhaft halbiert werden - was dem Konzern die jährliche Ersparnis eines siebenstelligen Betrages bescherte.
Geheim-Tipp für das Parken in der Innenstadt: auf den Anwohnerparkplatz eines nach China ausgewanderten Herrn kann man sich immer ungestraft stellen - welche Nummer hat dieser?
 
Perspektivwechsel_Parkplatz-Auto
Lösung: Perspektivwechsel :-)
 
Autor: Tobias Bartel
ist seit über einem Jahrzehnt Experte für Brain & Business. Wie unser Gehirn funktioniert, Informationen rezipiert, verarbeitet und vernetzt - daraus versteht Bartel wertvolle und konkrete Anwendungen für Unternehmen abzuleiten.
Der gebürtige Heidenheimer studierte in Tübingen Rhetorik, Kulturwissenschaften und Linguistik, und war als Presseoffizier bei der Bundeswehr tätig. Als Mitgründer und Geschäftsführer eines Medienunternehmens führte er seine Vision und Ideen mit über 70 Mitarbeitern und drei GmbHs zur marktführenden Präsenz in fünf Ländern.