IHK Ostwürttemberg

Warum sich unsere Städte neu entwickeln

Fakten:
  • 77 Prozent der Deutschen wohnen in Städten oder Ballungsräumen
  • 15 Prozent der Deutschen leben in Gemeinden/Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern
  • 81 Großstädte gibt es in Deutschland. Das sind Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern (Stand: Ende 2018)
  • 4 Millionenstädte gibt es in Deutschland: Berlin (3,6 Mio. Einwohner), Hamburg (1,8 Mio.), München (1,5 Mio.), Köln (1,1 Mio.)
  • 9 Einwohner hat Deutschlands kleinste Gemeinde Gröde (Schleswig-Holstein) (Stand: Ende 2017)
  • 44 Proztent der Deutschen würden am liebsten auf dem Land leben
Das ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH hat in einer Studie die Zu- und Fortzüge in Deutschland analysiert. Das Ergebnis ist nicht überraschend:
Leben in der Stadt liegt im Trend.
Dabei zieht es die Menschen aber nicht nur in die Millionen-Metropolen wie Berlin, Hamburg, München oder Köln. Vor allem Mittel- und Kleinstädte sind die Gewinner des aktuellen Trends. Sie locken mit Bildungsstätten, modernen Jobs, Kultur- und Freizeitangebot und nicht zu vergessen, mit noch vergleichsweise günstigen Mieten. Neben kleineren Städten an den Rändern der Metropolen zählen aber auch Kommunen in ländlichen Räumen dazu.
Für diese Analyse hat das ILS detailliert herausgearbeitet, dass neben den Großstädten auch Klein- und Mittelstädte vom Zuzug aus dem Umland profitieren – auch wenn nicht alle kleineren Städte in Deutschland von dieser Entwicklung profitieren können. Daneben konnte ein sogenannter "Überschwappeffekt" der Großstädte nachgewiesen werden. Das heißt, besonders die großen Großstädte verlieren zunehmend Bevölkerung an ihr direktes Umland, den "Speckgürtel". In den ländlichen Räumen setzt sich zudem die kontinuierliche Abwanderung dünn besiedelter Gebiete fort – allerdings auf einem relativ geringen Niveau. Strukturschwache Regionen jenseits städtischer Verdichtung sind dabei besonders von Schrumpfung betroffen. Prognosen zufolge könnten manche Landkreise in Brandenburg bis 2035 fast ein Drittel der Bevölkerung verlieren.
Meist fehlen in diesen Regionen Arbeitsplätze, Geschäfte, Handwerksbetriebe, Arztpraxen und Banken. Schulen und Gaststätten schließen. Für die verbleibenden Bewohner verschlechtert sich die Lebensqualität, die Wege werden weiter. Das ganze wird zum Teufelskreis, weil dadurch immer noch mehr Menschen wegziehen. Wenn vor allem gut gebildete und mobile junge Menschen aus der Provinz wegziehen, warnen Experten vor einem Braindrain.

Was macht den „Speckgürtel“ attraktiv?

Die Gründe für Bevölkerungsbewegungen innerhalb Deutschlands sind vielfältig: Sie reichen vom Umzug wegen eines Arbeitsplatzwechsels oder Wechsels in besseren – und vor allem bezahlbaren – Wohnraum bis zum Wunsch, im Alter in der Nähe der Kinder zu leben. Die Daten im Wegweiser Kommune des ILS zeigen, dass hohe Mieten ein starker Treiber für Bevölkerungsbewegungen sind.
Aber auch die jeweilige Lebensphase der Menschen spielt eine wichtige Rolle für die Wanderungsbewegungen in vier verschiedenen Altersgruppen: Die jüngere Generation in Ausbildung und Studium zieht eher in die Großstadt, während Familien oder die älteren Generationen auch gerne in kleinere und mittlere Städte ziehen. Für die kleinen und Mittelstädte ist dieser Trend eine Chance für Wachstum. Damit diese Städte auch in Zukunft für die Menschen als Lebensort attraktiv bleiben, ist eine moderne und funktionierende Infrastruktur eine zentrale Voraussetzung. Hier sind die Kommunen in der Pflicht, bei Investitionen und Stadtplanungen die richtigen Prioritäten zu setzen. Wenn man dabei an den öffentlichen Personennahverkehr, ärztliche Versorgung oder Breitbandausbau denkt, ist klar, dass viele kleinere Städte dies nicht ohne Unterstützung von Land und Bund schaffen können, so die Experten der Bertelsmann Stiftung.

Landflucht und Urbanisierung

Zwar ist das Gefälle zwischen Metropole und Provinz in Deutschland wegen der föderalen Struktur mit 16 Landeshauptstädten nicht so extrem wie in anderen Staaten. Dennoch gibt es ein Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Und während Dörfer im Umland der Großstädte prosperieren, leiden anderswo ganze Regionen, vor allem im Osten massiv unter Landflucht.

Was sind die Gründe dafür?

Lange Zeit dachte man, dass überwiegend die junge Bevölkerung das Leben in der Stadt bevorzugt. Beispielsweise um in den großen Städten studieren zu gehen, dort einfacher eine gut dotierte Arbeitsstelle zu finden oder mangels funktionierender Infrastruktur: Es fahren nicht ausreichend Busse, die Internetverbindung ist schlecht, die Versorgung mit Artikeln des täglichen Bedarfs oder  der Gang zum Arzt werden zum Problem.
Nun zeigt sich in den letzten Jahren, dass auch ältere Menschen das ländliche Idyll verlassen, um ihren Lebensabend in der Stadt zu verbringen. Während früher in der Regel eines der Kinder das elterliche Anwesen und damit auch die Pflege der Eltern übernahm, sind alte Menschen heutzutage häufig auf fremde Hilfe angewiesen. Spätestens, wenn der Gesundheitszustand das eigenständige Autofahren nicht mehr möglich macht, wird ein Umzug, wenn auch schweren Herzens, zumindest in Erwägung gezogen. Daraus folgt auch ein Trend der Stadtentwicklung – es entstehen immer mehr Wohnheime oder betreute Wohnanlagen in oder nahe den Städten.

Anonym, aber unterhaltsam

Eines ist dabei gewiss, egal ob für jung oder alt: Das Leben in der Stadt bietet einen Mehrwert an Unterhaltung und Freizeitangeboten. Kurz zum Shoppen in die Fußgängerzone oder abends ins Theater, all das ist in der Stadt kein allzu großes Problem. Und die gewisse Anonymität in der Stadt ist für viele auch ein Stück Freiheit.
Eben diese wiederum schreckt andere ab. Sie brauchen die Gemeinschaft, die Hilfe unter Nachbarn, die Tatsache, dass jeder jeden kennt, wie die Luft zum Atmen. Apropos Luft zum Atmen: Die frische Landluft oder der Duft von frisch gemähtem Gras übt auf Naturverbundene sicherlich einen größeren Reiz aus als Autoabgase und der Qualm der Industrieschornsteine. Damit können städtische Parks und Grünflächen in der Stadt nicht mithalten und das wahre Naturerlebnis, wie es zum Beispiel weitläufige Wälder und Wiesen liefern, nicht ersetzen.

Mobilität in der Stadt

Ein Vorteil, den das Stadtleben mit sich bringt, ist die Mobilität. Dank des gut ausbebauten Nahverkehrssystems vor allem in den Großstädten ist das eigene Auto nahezu überflüssig,
aufgrund der Parkplatzknappheit vielleicht sogar lästig. Ein eigenes Auto als Statussymbol? Für viele junge Menschen nicht mehr denkbar. Und wenn doch mal ein Auto benötigt wird, gibt es gut ausgebaute Carsharing-Angebote, nicht mehr nur in den Metropolen.
Kleinere Gemeinden, die natürlich nicht so sehr an den ÖPNV angeschlossen sind, müssen hier versuchen, durch innovative Angebote wie Bürgerbusse oder dem fiftyFifty-Taxi im Ostalbkreis Mobilität zu erhalten. Vor allem in den Tagesrandzeiten oder speziell für die Jugend, an den Wochenenden.
Das Problem für die ländlichen Räume: Der Wegzug der Menschen wird all diese Probleme verstärken. Ein Discounter wird sich genau überlegen, wie viel Kaufkraft vor Ort vorhanden ist, bevor er investiert. Ähnlich sicherlich ein Arzt, der sich niederlassen möchte. Und ein Internetanbieter überlegt natürlich auch, wo es sich lohnt für viel Geld neue Leitungen zu verlegen
In den Städten sorgt das Ganze für immer mehr verbaute Flächen, Mangel an Wohnraum und damit steigende Miet- bzw. Grundstückspreise. Die Stadtverwaltungen müssen neben mehr bezahlbarem Wohnraum u.a. auch für mehr Kindergärten und Schulplätze sorgen, um die Bedürfnisse der gewachsenen Bevölkerung gerecht zu werden. Sie müssen sich zudem intensiv damit auseinandersetzen, Quartiersentwicklungen vor Ort zu gestalten. Mit Blick auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen der Bürgerinnen und Bürger sowie unter Berücksichtigung des demografischen Wandels und gesellschaftlicher Veränderungen stehen die Kommunen also vor vielfältigen Herausforderungen.

Aktuelle Entwicklungen

Die Zahl der Einwohner Baden-Württembergs hat sich im Jahr 2018 um etwa 46.100 auf 11.069.500 Personen erhöht. Damit ist die Einwohnerzahl gegenüber dem Gründungsjahr 1952 um rund 4,4 Millionen bzw. zwei Drittel angestiegen und hat einen neuen Höchststand erreicht. Allerdings war der Zuwachs deutlich geringer als in den Jahren zuvor: 2017 nahm die Einwohnerzahl noch um 71.500, 2016 um 72.300 und im Jahr 2015 sogar um 163.000 zu.
Der Anstieg der Einwohnerzahl im vergangenen Jahr ist nach Angaben des Statistischen Landesamtes ausschließlich auf Wanderungsgewinne zurückzuführen: Die Zahl der Zuzüge war um rund 48.300 höher als die der Fortzüge. Dagegen war der Geburtensaldo, also die Differenz zwischen Geborenen und Gestorbenen, negativ (−2.200). Die Zahl der Geborenen war zwar mit 108.900 so hoch wie seit 1998 nicht mehr, gleichzeitig hatte aber auch die Zahl der Gestorbenen einen Höchststand seit Bestehen des Landes erreicht (111.100).
Innerhalb des Landes zeichnen sich Änderungen des regionalen Entwicklungsmusters ab: Im Gegensatz zu den Vorjahren lag das Einwohnerplus im Ländlichen Raum im Jahr 2018 leicht über dem Landesdurchschnitt (+0,5 % gegenüber +0,4 %). Vor allem die sogenannten Verdichtungsbereiche im Ländlichen Raum (vgl. Hinweis) zeichneten sich durch eine sehr dynamische Entwicklung aus (+0,7 %). Aber auch der Ländliche Raum im engeren Sinne, also die besonders dünn besiedelten Gebiete, lagen mit einem Plus von 0,4 % immerhin im Landesdurchschnitt.
Der Ländliche Raum im engeren Sinne erzielte sogar erstmals wieder seit 1999 überdurchschnittliche Wanderungsgewinne, die auch deutlich über denjenigen der Verdichtungsräume lagen. Dass sich die Attraktivität der Ballungsräume für Zuziehende verringert hat, führt das Statistische Landesamt auf die dort vielfach vorhandene Wohnungsknappheit und die damit verbundenen hohen Wohnungskosten zurück.Dagegen schneiden die Verdichtungsräume beim zahlenmäßigen Verhältnis der Geburten zu den Sterbefällen weiterhin günstiger als der Ländliche Raum ab. Ursache hierfür ist, dass junge Menschen in den vergangenen Jahren verstärkt zur Ausbildung und zum Studium in die Städte gezogen sind, weshalb die Bevölkerung in den Ballungsräumen tendenziell jünger als im Ländlichen Raum ist.
Hinweis: In den Verdichtungsräumen nach dem Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg leben derzeit knapp 5,7 Mill. Einwohner; die Bevölkerungsdichte ist mit 952 Einwohnern je km2 mehr als sechsmal so hoch wie im Ländlichen Raum insgesamt. Im Ländlichen Raum leben ca. 3,7 Mill. Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger; der Anteil an der Landesfläche liegt bei 69 %. Der Ländliche Raum untergliedert sich in die Verdichtungsbereiche im Ländlichen Raum sowie in den Ländlichen Raum im engeren Sinne; letzterer ist mit lediglich 130 Einwohnern je km2 besonders dünn besiedelt. In den Verdichtungsbereichen im ländlichen Raum ist die Bevölkerungsdichte deutlich niedriger als in den Verdichtungsräumen, aber ähnlich hoch wie in den so genannten Randzonen um die Verdichtungsräume (327 bzw. 323 Einwohner je km2).